Ein Augenblicksbericht aus Changchun

02.05.11 [TZiS Bad Ischl]

Bericht von Ing. Klaus Wallner, EAAS über seine Tätigkeit in Changchun, nordöstliches China

Changchun ist eine Million Industriestadt des modernen China, nicht attraktiv, dreckig, staubig, aber die Sonne scheint hier so oft wie sonst kaum wo - sogar öfters als hier im Salzkammergut. Geregnet hat es zuletzt im September und außer ein paar Schneetagen schien während meines gesamten Aufenthaltes immer die Sonne.

Wenn es nicht große Automobilfirmen gäbe, die hier das Geschäft ihres Lebens machen, wäre Changchun in der westlichen Welt sicher völlig unbekannt.

Kalt ist es hier, sehr kalt sogar - im Winter - ich reist Mitte Jänner an, sind Temperaturen von minus 25 Grad normal.
Da denkt man sich schon was, wenn man diese Bauweisen sieht - alles einfache Betonbauten, primitivste Verglasungen, durch die Fenster zieht es gewaltig, man hört und spürt jeden Wind - weil die Fenster so undicht sind. Teilweise wurden diese abenteuerlichen Konstruktionen einfach verschraubt - oder gleich mit Silikon zugeklebt - wozu muss man den ein Fenster schon öffnen können?

Was wäre hier an Geschäft für vernünftige Bauweise möglich und was wird hier an Energie vergeudet - jeder Euro der hier an energiesparenden, wärmedämmenden und CO2-reduzierenden Maßnahmen eingesetzt werden würde, hätten im Vergleich zu uns einen x-fachen Mehrwert. Und hier geht es um viele Städte mit Millionen von Einwohnern.

Vom Verkehr und den Straßen möchte ich gar nicht reden, das würde zu weit führen, nur soviel - Schneepflüge gibt es nicht, da sind zigtausende Chinesen mit Schaufeln und Besen im Einsatz, die machen das für 1-2 Schälchen Reis am Tag - im Sommer putzen sie dafür die Straßen mit ihrem Reisbesen.

Die Wirtschaft wird hier auch noch die nächsten 20 Jahre boomen, weil es soviel Nachholbedarf gibt. Die Chinesen selber sehen das naturgemäß anders - und werden auch weiterhin den westlichen Vorbildern hinterher hecheln - und Weltmeister im billigen Kopieren bleiben - darin sehen sie traditionell nicht schlechtes. Selber etwas Eigenständiges zu erfinden, fällt ihnen - zumindest vorerst nicht ein.

All das wäre vielleicht noch "normal", wenn da nicht die Mischung aus Turbokapitalismus und altem Kommunismus wäre. Die viel gespriesene, jahrtausende alte chinesische Kultur, die gibt es schon lange nicht mehr. Das haben die Japaner und Mao mit seiner Kulturrevolution im letzten Jahrhundert begonnen zu ruinieren und nun ist es eben die "frei" marktorientierte Planwirtschaft (der neue 5-Jahresplan ist ja gerade erst in Kraft getreten) die dem Ganzen den Rest gibt. Diese Art von Wirtschaft übertrifft selbst Amerika.

Die Idee vielleicht selber mal ein Auto fahren zu können, beflügelt hunderte Millionen Chinesen. Im kleinen oder größeren Betrügen sind sie, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, sehr kreativ, was vom System her wohl auch nötig ist. Auf das kann man sich zumindest verlassen, dass man mit Sicherheit übers Ohr gehauen wird. Das sozialistische Kollektiv ist längst nicht mehr dass was es einmal war. So glauben die meisten Chinesen tatsächlich (soferne sie schon mal was von Österreich gehört haben) und richtig naiv, dass wir alle Klavier und Geige spielen können, aber in allen anderen Angelegenheiten sind sie natürlich viel besser als die "Langnasen" aus Europa. Das man bei uns auch gut verdienen muss und wohl einige Jahre braucht um sich ein Auto leisten zu können ist hier nicht wirklich bekannt.

Der Unterschied zwischen arm und reich und die Schere die da aufgeht, ist wohl kaum in einem anderen Land so groß wie hier. Dies zeigt auch der Regierung mittlerweile die Grenzen auf - im neuen 5-Jahresplan soll es ja um mehr Qualität anstatt Quantität gehen und man will mehr Leute am Reichtum teilhaben lassen... aber diese Idee gab es auch schon in den letzten 5 Jahresplänen.

Wenn also die "bessere" Masse an städtischen Chinesen (der Aufschwung findet nur in der Stadt statt), etwas ein Zehntel (manche wohl auch das doppelte) eines Durchschnittsösterreichers verdient, können sich umgekehrt unglaublich viele superteure Autos leisten - diese kosten fast das gleiche wie bei uns, wobei mann, wenn man was auf sich hält, hier zumindest einen Audi A6L oder Q7, einen Mercedes 500, BMW 5-er, Porsche Chayenne fährt - wie sich das ausgeht ist eines der ungelösten Rätsel dieses Landes.

Ebenso ist es eine spannende Frage wie lange das gut geht. Den letzten Versuch einer kleinen Revolution hab es ja 1989, was mich zu einem aktuellen Vergleich mit Afrika zwingt. So wie damals denke ich, werden solche Versuche hier immer noch im Keim erstickt und das es wie in Libyen erst mal Sanktionen geben könnte, ist gegen China unvorstellbar - weil das Land sowohl für den Westen als auch für Amerika zu wichtig geworden ist. Ich glaube jedenfalls, dass es dem Durchschnittslibyer besser geht als dem Durchschnittschinesen am Land, wenn man für gewisse Maßnahmen Vergleiche suchen wollte.
Und die Tatsache, dass es hier mehr Diskreminierunge, Verfolgung, Verbote gegen anders denkende gibt, als sonst wo, steht außer Streit. (der kleine Ausflug in eine politische Analyse der aktuellen Sachlage sei mir verziehen, ich will auf keinen Fall zu weit dahin gehend abgleiten.)

Die Autos die hier gebaut werden (A4 und Q5) sieht man relativ selten, sind wohl für andere Regionen bestimmt, es ist aber schon sicher dass ab nächstem Jahr hier auch der ganz neue Q3 gebaut wird und der A6 ist am Start (und das ist nur das Programm von Audi).

Es gibt aber auch noch die guten alten Jettas, die vorwiegend als Taxi unterwegs sind. Das ist wieder eine gute Einrichtung, selten fährt man wo billiger zur Arbeit oder zum Einkaufen als dort - allerdings kostet eine Taxilizenz und der Gebührenzähler mehr als das Auto und der Taxler selbst ist ein armer Hund - 6 Tage die Woche zu je 12 STunden für - je nach Glück 100 bis 200 Euro im Monat!

Auch das Essen sollte noch erwähnt werden, es ist billig und gut. Für unvorstellbare 50 Cent nach unserer Währung ißt man gut und satt auf der Straße - im besseren Restaurant zahlt man halt mal 4-5 Euro - samt Getränke.

Was die Arbeit angeht, so geht es hier vorwiegend um hochkarätige Anlagenprogrammierung, Steuerungstechnik usw... (SPS, Roboter...)

Auf diesem Segment stelle ich immer wieder fest, dass es viel zu wenige Leute gibt, die das tun wollen. Es gibt einen echten Mangel an Fachleuten auf diesem Gebiet und selbst große Firmen haben Mühe ihren Bedarf an Fachkräften zu decken. Ein Teilproblem des Ganzen ist wohl, dass man nur selten daheim ist und immer ein großes Stundenpensum zu leisten hat. Flexibilität und Zuverlässigkeit sind weitere Anforderungen über die heutzutage nicht jeder verfügt.

Wenn als jemand wen kennt oder selber Interesse an so einem Job hat, bitte bei Gelegenheit sich einfach bei mir informieren! Kontaktdaten unter www.eaas.at